Für den Unterricht und zu Hause: Die Biologie dahinter, ganz ohne Bier: ein Hefe-Experiment mit Luftballon für die Klassen 4 bis 8. Hefe, das kleinste Haustier der Welt →
Bevor ich mich um Server, Netzwerke und Notfallpläne gekümmert habe, habe ich Bier gebraut. Ich bin gelernter Brauer und habe von 1993 bis 1996 bei einer namenhaften Hamburger Brauerei das Brauerhandwerk gelernt. Die IT kam viel später.
Je länger ich in der IT arbeite, desto öfter denke ich: So weit liegt das gar nicht auseinander. Ein Sudhaus und ein Rechenzentrum haben mehr gemeinsam, als man glaubt.
Ein Rezept ist ein Programm
Ein Bierrezept ist ein Ablaufplan: Mengen, Temperaturen und Zeiten in fester Reihenfolge. Wer einen Schritt vertauscht oder eine Temperatur verpasst, bekommt ein anderes Bier. Brauen war Prozesssteuerung, lange bevor es Computer gab.
Bier = Wasser + Malz + Hopfen + Hefe + Temperatur × Zeit
Wusstest du? Das bayerische Reinheitsgebot von 1516 nennt nur Wasser, Gerste und Hopfen. Die Hefe fehlt, weil niemand von ihr wusste. Die Gärung passierte einfach. Erst im 19. Jahrhundert wurde klar, dass winzige Lebewesen dahinterstecken.
Maischen: Jedes Grad zählt
Beim Maischen wird geschrotetes Malz in warmem Wasser verrührt. Im Malz stecken Enzyme, die Stärke in Zucker zerlegen. Welche Enzyme arbeiten, hängt von der Temperatur ab. Deshalb gibt es Rasten: Man hält die Maische eine Weile auf einer bestimmten Temperatur, dann geht es weiter nach oben.
// Maische-Thermometer · was passiert bei welcher Temperatur?
Das ist im Kern nichts anderes als ein Programm mit Schritten und Bedingungen: Halte 63 Grad für 40 Minuten, dann heize auf 72 Grad, prüfe mit der Jodprobe, ob die Stärke abgebaut ist, und erst dann geht es weiter.
Gärung: Ein Regelkreis, der Bier macht
Nach dem Kochen und Abkühlen kommt die Hefe dazu. Untergärige Hefe für Pils und Lager mag es kühl, um die 8 bis 12 Grad. Obergärige Hefe für Weizen oder Ale arbeitet wärmer. Das Tückische: Die Hefe erzeugt bei der Gärung selbst Wärme. Ohne Kühlung wird es ihr zu warm, und das schmeckt man.
Früher gab es dafür Eiskeller. Heute reicht ein alter Kühlschrank mit einer schaltbaren Steckdose, einem Temperaturfühler im Bier und einem Regler. Zum Beispiel Home Assistant. Probier aus, was der Schaltabstand ausmacht:
// Gärkühlschrank-Regler · 48 Stunden im Zeitraffer
Der Schaltabstand, auch Hysterese genannt, ist ein klassischer Kompromiss. Ist er sehr klein, hält der Regler die Temperatur genau, aber der Kompressor springt ständig an und verschleißt. Ist er groß, hat der Kompressor Ruhe, aber die Hefe erlebt ein Auf und Ab. Genau dieselbe Abwägung gibt es in der IT bei Alarmschwellen: Zu empfindlich, und alle ignorieren die ständigen Meldungen. Zu träge, und man merkt den Fehler zu spät.
# configuration.yaml – oder in der Oberfläche als Helfer „Generischer Thermostat“
climate:
- platform: generic_thermostat
name: Gärkühlschrank
heater: switch.gaerkuehlschrank # schaltbare Steckdose am Kühlschrank
target_sensor: sensor.gaerbottich # Temperaturfühler im Bier, nicht in der Luft
ac_mode: true # true = kühlen statt heizen
target_temp: 10
cold_tolerance: 0.5 # Hysterese nach unten
hot_tolerance: 0.5 # Hysterese nach oben
min_cycle_duration:
minutes: 5 # Kompressor nie kürzer schalten
Den Fühler ins Bier, nicht in die Kühlschrankluft. Die Luft kühlt viel schneller ab als 20 Liter Jungbier, und der Regler würde ständig falsch reagieren. Und: Kompressoren brauchen Pausen. Die Mindestlaufzeit schützt das Gerät.
Was ich aus dem Sudhaus mitgenommen habe
| Im Sudhaus | In der IT |
|---|---|
| Rezept | Programm, Ablaufplan |
| Hygiene, damit keine fremden Keime den Sud verderben | IT-Sicherheit, damit kein Schadcode das System verdirbt |
| Temperatur ständig im Blick | Monitoring |
| Sudprotokoll | Logdateien |
| Jede Charge mit Nummer | Versionen und Releases |
| Was tun, wenn beim Maischen der Strom ausfällt? | Business Continuity Management |
Am meisten geprägt hat mich die Hygiene. Im Brauhaus lernt man als Erstes: Sauberkeit ist keine lästige Pflicht, sondern die Grundlage für alles. Ein einziger fremder Keim kann einen ganzen Sud verderben. [Optional: eine eigene Erinnerung dazu.] Ich habe nie wieder einen Ort gesehen, an dem das so selbstverständlich gelebt wird. In der IT wäre ich manchmal froh darüber.
Und wenn mitten im Maischen der Strom ausfällt?
Dann verlängert sich die Rast, und die Maische kühlt langsam ab. Für ein paar Minuten ist das kein Drama, für eine Stunde schon: Das Bier wird anders, als es geplant war. Bei der Gärung ist es entspannter, viele Liter Bier halten die Temperatur eine ganze Weile. Wie man solche Fragen strukturiert angeht, steht in BCM für zu Hause.
Brauer und Admins wollen dasselbe: einen Prozess, der jedes Mal gleich gut läuft, und einen Plan für den Tag, an dem etwas schiefgeht.
